Post-COVID und das Nervensystem: Was passiert auf neurologischer Ebene?
- Ruslan Spartakov

- 11. Mai 2025
- 18 Min. Lesezeit
Einführung: Eine reale neurobiologische Erkrankung
Post-COVID (auch Long COVID genannt) bezeichnet ein komplexes Krankheitsbild, bei dem Wochen und Monate nach der akuten SARS-CoV-2-Infektion noch Symptome fortbestehen oder neue auftreten. Betroffene berichten von vielfältigen Post-COVID Symptomen – von quälender Erschöpfung bis hin zu Brain Fog (geistige Umnebelung). Wichtig ist: Post-COVID ist real und hat neurobiologische Ursachen. Es handelt sich nicht um Einbildung oder rein psychische Probleme. Aktuelle Studien belegen messbare Veränderungen im Körper von Post-COVID-Patienten. So zeigen Forschungsergebnisse, dass das, was Long-COVID-Betroffene fühlen, körperlich real ist und keineswegs „nur psychisch“. Schätzungen gehen von weltweit über 65 Millionen Betroffenen aus (Medical News Today, 2024) – ein Phänomen, das Ärzte und Wissenschaftler ernst nehmen.
Doch was genau passiert bei Post-COVID auf neurologischer Ebene im Körper? Bildhaft gesprochen: Es ist, als hätte das Nervensystem einen Wackelkontakt. Signale, die früher reibungslos flossen, kommen nun verzögert oder verzerrt an. Körper und Gehirn stehen unter Dauerstress, als hätte jemand die Alarmanlage im Kopf aktiviert, die nicht mehr richtig abschaltet. Neueste Forschung deutet darauf hin, dass eine Kombination aus chronischen Entzündungen im Gehirn, fehlgeleiteten Autoimmunreaktionen und gestörter Energieversorgung der Zellen dafür verantwortlich ist. Diese Faktoren können erklären, warum die Post-COVID Symptome so vielfältig und hartnäckig sind.
In diesem Artikel schauen wir uns im Detail an, was Post-COVID mit Gehirn und Nervensystem anstellt. Wir beleuchten die Rollen von chronischer Neuroinflammation (dauerhafte Entzündung im Nervensystem), Autoimmunreaktionen (wenn das Immunsystem irrtümlich das eigene Nervengewebe angreift), mitochondrialer Dysfunktion (eine Energiekrise in Gehirn und Körper) und Störungen der Blut-Hirn-Schranke (wenn die schützende Barriere des Gehirns durchlässig wird – wie eine „durchlässige Stadtmauer“). Anschauliche Metaphern wie Wackelkontakt im Nervensystem, leere Batterien und löchrige Schutzmauer helfen, die komplexen Vorgänge greifbar zu machen. Abschließend betrachten wir Heilungsperspektiven – von Selbstregulation und Körperarbeit bis hin zu achtsamer Belastungssteuerung – die Hoffnung geben und Betroffene aktivieren sollen, ihren Weg zur Post-COVID Heilung zu finden.
Chronische Neuroinflammation: Wenn das Gehirn in Flammen steht

Eine der zentralen Entdeckungen zu Post-COVID betrifft das Vorhandensein von chronischer Neuroinflammation – also anhaltenden entzündlichen Prozessen im Gehirn und Zentralnervensystem. Vereinfacht kann man sich eine Neuroinflammation wie einen Schwelbrand im Gehirn vorstellen, der nach der akuten Infektion weiterlodert. Diese Entzündung wird vor allem von Immunzellen im Gehirn (wie Mikroglia) getragen, die auch lange nach dem Verschwinden des Virus in Alarmbereitschaft bleiben.
Aktuelle wissenschaftliche Studien aus den Jahren 2023/2024 liefern eindrucksvolle Belege dafür. So fanden Forscher mittels PET-Scans (spezielle Hirnscans) deutlich erhöhte Entzündungsmarker im Gehirn von Long-COVID-Patienten im Vergleich zu gesunden Kontrollen (VanElzakker et al., 2023). Betroffen waren weite Bereiche des Gehirns, u.a. der vordere cinguläre Kortex, der Thalamus, die Basalganglien und das Corpus Callosum – Regionen, die für Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Gefühlsregulation und Motorik wichtig sind. Dieser Befund bedeutet: Nach überstandener COVID-19-Infektion ist das Gehirn mancher Patienten weiterhin in einem entzündlichen Zustand, als würde es gegen eine Bedrohung kämpfen, die längst vorbei sein sollte. Diese dauerhafte Entzündung des Nervensystems kann viele der Symptome erklären – z.B. kognitive Probleme wie Konzentrationsstörungen, anhaltende Müdigkeit, aber auch depressive Verstimmungen.
Spannend ist auch der Zusammenhang zwischen Gehirnentzündung und dem Gefäßsystem. Die erwähnte PET-Scan-Studie fand eine Korrelation zwischen dem Ausmaß der Neuroinflammation und bestimmten Botenstoffen im Blut, die auf Gefäßfunktionsstörungen hindeuten. Vereinfacht gesagt: Entzündetes Gehirn und gestörte Blutgefäße scheinen Hand in Hand zu gehen. Möglicherweise führt die Entzündung zu Schäden an feinen Gefäßen im Gehirn oder umgekehrt begünstigt eine Gefäßschädigung die Neuroinflammation. Dieses Zusammenspiel könnte zu Symptomen wie Brain Fog, Kopfschmerzen oder Schwindel beitragen.
Die chronische Neuroinflammation bei Post-COVID untermauert, dass es sich um eine organische Erkrankung handelt. Ein Gehirn unter Dauerentzündung ist wie ein Computer, der permanent im „Notfallmodus“ läuft – kein Wunder, dass Denkprozesse langsamer werden und sich mentale Erschöpfung einstellt. Wichtig für Betroffene ist: Diese Prozesse sind messbar und real. Die Forschung daran ist im Gange, und je besser wir diese „Feuer im Gehirn“ verstehen, desto gezielter können Therapien entwickelt werden, die die Entzündungen bremsen und das Nervensystem beruhigen.
Autoimmunreaktionen: Wenn das Immunsystem zum Irrläufer wird
Ein weiterer Puzzlestein von Post-COVID sind Autoimmunreaktionen. Darunter versteht man Prozesse, bei denen das Immunsystem irrtümlich körpereigene Strukturen angreift – im Fall von Post-COVID oft Strukturen des Nervensystems. Man kann sich das wie „Friendly Fire“ vorstellen: Die Abwehr, die eigentlich Viren bekämpfen soll, schießt nach überstandener Infektion immer noch um sich und trifft dabei Nervenzellen und Verbindungen.
Die Hypothese, dass Autoimmunität eine Rolle spielt, wurde lange diskutiert – und jüngste Forschung (2023/2024) liefert dafür überzeugende Hinweise. Eine vielbeachtete Studie der Yale University zeigte beispielsweise einen direkten kausalen Zusammenhang: Überträgt man Blut-Antikörper von Long-COVID-Patienten auf gesunde Mäuse, entwickeln die Tiere entsprechende Symptome wie verstärkte Schmerzempfindlichkeit und Schwindel (Santos Guedes de Sa et al., 2024). Mit anderen Worten: Im Blut von Long-COVID-Betroffenen zirkulieren Antikörper, die offenbar bestimmte Nervensystem-Funktionen stören und Beschwerden auslösen können. Dieser Effekt konnte experimentell nachgewiesen werden – ein starker Hinweis darauf, dass Autoantikörper (also Antikörper gegen körpereigene Strukturen) an Post-COVID-Symptomen beteiligt sind.
Warum bildet der Körper solche fehlgeleiteten Antikörper? SARS-CoV-2, das Virus hinter COVID-19, kann das Immunsystem erheblich durcheinanderbringen. Einige Theorien besagen, dass Überreste des Virus im Körper verbleiben (z.B. in Geweben wie dem Darm) und das Immunsystem ständig triggern, sodass es irgendwann auch körpereigene Proteine angreift, die dem Virus ähneln. Andere Erklärungen sehen die Reaktivierung von schlummernden Viren (etwa Epstein-Barr-Virus) infolge von COVID-19 als Auslöser für eine autoimmune Kettenreaktion. Fakt ist: In Untersuchungen fanden sich bei Long-COVID-Patienten deutlich erhöhte Spiegel von Autoantikörpern im Vergleich zu Genesenen ohne Langzeitfolgen. Dieses Profil ähnelt klassischen Autoimmunerkrankungen – passend dazu sind Frauen im Alter von 30–50 Jahren (die generell häufiger Autoimmunerkrankungen entwickeln) überproportional von Long COVID betroffen.
Die Folgen solcher Autoimmunreaktionen auf neurologischer Ebene können vielfältig sein. Werden etwa Nervenreizleitungen angegriffen, kann es zu Empfindungsstörungen, Taubheitsgefühlen oder Muskelschwäche kommen. Greifen Autoantikörper Strukturen im vegetativen Nervensystem an, könnten autonome Dysfunktionen (z.B. Herzrasen im Stehen, Probleme der Kreislaufregulation) resultieren. Tatsächlich wird ein Teil der Post-COVID-Fälle mit dem POTS-Syndrom (Posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom) in Verbindung gebracht – einer ausgeprägten Kreislaufstörung. Schätzungen zufolge weisen rund 30% der stark von Long COVID Betroffenen Zeichen von POTS oder ähnlicher autonomer Dysfunktion auf (Fedorowski & Sutton, 2023). Auch hier vermuten Forscher eine autoimmune Komponente, da bei POTS-Patienten nach COVID vermehrt Autoantikörper gegen Rezeptoren des autonomen Nervensystems nachgewiesen wurden.
Die Erkenntnis, dass Autoimmunreaktionen beteiligt sind, hat wichtige Implikationen für mögliche Behandlungen. Therapien, die das Immunsystem modulieren, könnten helfen – zum Beispiel der Einsatz von Immunglobulinen (IVIG) oder anderen immunmodulierenden Medikamenten, wie sie auch bei klassischen Autoimmunerkrankungen (z.B. Lupus) Anwendung finden. Erste Fallberichte und Studien testen bereits solche Ansätze. Noch ist kein eindeutiger Durchbruch erzielt, aber dass Forscher nun zielgerichtet nach Autoimmunmechanismen suchen, ist ein großer Schritt nach vorn. Für Betroffene bedeutet es auch: Ihr Leiden hat eine biologische Grundlage – das eigene Immunsystem ist aus dem Takt geraten – und es gibt rationale Ansätze, wie man es wieder beruhigen könnte.
Mitochondriale Dysfunktion: Leere Batterien in Gehirn und Körper
Viele Post-COVID-Patienten fühlen sich, als seien ihre „Batterien leer“ – selbst kleine Anstrengungen führen zu starker Erschöpfung, und es dauert ungewöhnlich lange, bis sich der Körper erholt. Dieses Gefühl kommt nicht von ungefähr: Hinweise verdichten sich, dass Long COVID mit einer mitochondrialen Dysfunktion einhergeht – also einer Störung der Kraftwerke der Zellen, der Mitochondrien. Mitochondrien produzieren den größten Teil der Energie (ATP) für unsere Zellen. Wenn sie nicht richtig arbeiten, gerät die Energieversorgung ins Stocken – vergleichbar mit einem Handy, das ständig bei 10% Akkuladung läuft. Insbesondere Gehirn und Muskelzellen, die sehr energiehungrig sind, leiden unter einem solchen Energiemangel.

Aktuelle Forschung aus 2023 hat genau das bestätigt. Eine Studie des Amsterdam University Medical Center ließ Long-COVID-Betroffene einen Belastungstest (15 Minuten Radfahren bis zur Ausbelastung) durchführen und untersuchte anschließend ihre Muskelzellen. Ergebnis: Bei den Long-COVID-Patienten zeigten sich auffällige Veränderungen in der Muskulatur, insbesondere eine reduzierte Funktion der Mitochondrien (Medical News Today, 2024). Die „Powerhouses“ in den Zellen lieferten weniger Energie als bei gesunden Kontrollpersonen. Zudem verschlechterten sich die Symptome der Patienten nach der Anstrengung drastisch (sogenannte Post-Exertional Malaise, eine Zustandsverschlechterung nach Belastung, typisch für Long COVID und auch bekannt aus dem chronischen Erschöpfungssyndrom ME/CFS). Die Ursache der Fatigue ist demnach handfest biologisch, betonen die Forscher: „Das Gehirn braucht Energie zum Denken. Muskeln brauchen Energie zum Bewegen.“ – und genau diese Energie steht nicht ausreichend zur Verfügung.
Nicht nur in Muskeln, auch in Immunzellen und anderen Geweben wurden bei Long COVID Anzeichen eines gestörten Energiestoffwechsels gefunden. Einige Studien berichten von erhöhtem oxidativen Stress und einer Art Dauer-Notprogramm der Zellen: Die Mitochondrien fahren ihre Leistung herunter, möglicherweise ausgelöst durch die vorangegangene Virusinfektion oder durch die anhaltenden Entzündungs- und Immunprozesse. Man könnte sagen, der Körper schaltet in einen Energiesparmodus, der evolutionsbiologisch vielleicht schützen soll (ähnlich wie bei einer schweren Grippe, bei der man sich automatisch ausruht). Bei Long COVID bleibt dieser Modus jedoch bestehen, selbst wenn eigentlich keine akute Infektion mehr da ist.
Die Konsequenzen einer mitochondrialen Dysfunktion sind weitreichend: Brain Fog könnte z.B. dadurch entstehen, dass dem Gehirn schlicht die Power fehlt, um Gedanken klar zu formulieren – wie ein Taschenrechner mit schwacher Batterie. Körperlich führt die geringe Energie zu schneller Erschöpfbarkeit, Muskelschwäche und oft auch einer Verstärkung der orthostatischen Intoleranz (Probleme im Stehen, Schwindel), da das Herz-Kreislauf-System ebenfalls Energie benötigt, um den Blutdruck zu regulieren.
Die gute Nachricht ist, dass Erkenntnisse über mitochondriale Beteiligung Ansatzpunkte für Therapien liefern. Zum Beispiel wird diskutiert, ob antioxidative Therapien oder bestimmte Supplemente (etwa Coenzym Q10, Acetyl-L-Carnitin) helfen könnten, die Mitochondrien zu unterstützen. Auch physiotherapeutische Ansätze müssen an dieses Phänomen angepasst werden: Zu viel Belastung auf einmal kann kontraproduktiv sein (weil die Zellen überfordert werden), während ein vorsichtiges Pacing (dosierte Aktivität mit ausreichend Erholungsphasen) sinnvoller ist, um die leeren Batterien langsam wieder aufzuladen. Wichtig ist für Patienten zu verstehen, dass ihre Erschöpfung kein Zeichen von Schwäche ist, sondern biochemisch begründet – der Körper hat eine echte Energiekrise, die man ernst nehmen muss.
Störungen der Blut-Hirn-Schranke: Die durchlässige Stadtmauer
Das Gehirn wird normalerweise von der Blut-Hirn-Schranke (BHS) geschützt – einer Art hoch selektiver Barriere zwischen dem Blutkreislauf und dem empfindlichen Gehirngewebe. Man kann sich die BHS wie die Stadtmauer einer befestigten Stadt vorstellen: Sie lässt nur bestimmte Stoffe hinein und hält Schadstoffe, Krankheitserreger und unnötige Immunzellen draußen. Bei schweren Infektionen oder Entzündungen kann diese Barriere jedoch Schaden nehmen. Genau das scheint bei Post-COVID der Fall zu sein: Hinweise verdichten sich, dass die Blut-Hirn-Schranke undicht oder dysfunktional wird – sprich, die schützende Mauer bekommt Lücken (die „durchlässige Stadtmauer“).

Eine Studie in Nature Neuroscience (2024) untersuchte Long-COVID-Patienten mit kognitiven Störungen (Brain Fog) mittels spezieller MRT-Techniken und fand klare Anzeichen für eine gestörte Blut-Hirn-Schranke bei diesen Patienten (Green et al., 2024). Interessanterweise trat diese Störung nicht nur während der akuten Infektion auf, sondern persistierte bei Long-COVID-Betroffenen mit Brain Fog lange nach der eigentlichen Genesung. Das bedeutet: Stoffe, die normalerweise nicht ins Gehirn gelangen sollten – z.B. bestimmte Entzündungsproteine oder Immunzellen – könnten nun die Barriere passieren. Im übertragenen Sinne stehen also plötzlich die Stadttore offen, und das Immunsystem „stürmt” die Stadt, was weitere Entzündungen im Gehirn anheizen kann.
Diese Forschung zeigte auch, dass mit der gestörten BHS eine andauernde systemische Entzündung einhergeht. Im Blut der Betroffenen fanden sich Zeichen eines überaktiven Immunsystems und Veränderungen an weißen Blutzellen, die auf eine chronische Entzündungsreaktion schließen lassen. Zudem hafteten Immunzellen im Experiment verstärkt an Hirngefäßzellen, wenn sie mit dem Blut von Long-COVID-Patienten in Kontakt kamen. Zusammengenommen ergibt sich das Bild, dass eine löchrige Blut-Hirn-Schranke plus anhaltende Entzündungsfaktoren ein Teufelskreis sein könnten: Die durchlässige Barriere lässt Entzündungsmediatoren ins Gehirn, was dort Neuroinflammation verstärkt (siehe oben), die wiederum die Barriere weiter schädigen kann – ein sich selbst erhaltender Mechanismus.
Für die Praxis erklärt dies einige neurologische Symptome. So könnte anhaltender Kopf-„Druck“ oder Kopfweh bei Long COVID durch Ödeme oder Entzündungsreaktionen im Gehirn aufgrund der BHS-Störung begünstigt werden. Auch kognitive Aussetzer und Konzentrationsprobleme (Brain Fog) lassen sich dadurch verstehen: Ein „reizüberflutetes“ Gehirn, das normalerweise von der Außenwelt abgeschirmt ist, wird plötzlich mit fremden Substanzen konfrontiert und reagiert mit Chaos im Signalhaushalt. Manche Experten ziehen sogar Parallelen zu anderen Erkrankungen: Bei Chemobrain (kognitiven Problemen nach Chemotherapie) oder bei ME/CFS wird ebenfalls eine gestörte Blut-Hirn-Schranke diskutiert, was zeigt, dass dieses Phänomen biomedizinisch plausibel ist.
Die Metapher der durchlässigen Stadtmauer verdeutlicht Betroffenen, dass ihr Gehirn überreizt und ungeschützt sein kann – ein Zustand, in dem Reize (Lärm, Licht, Stress) viel intensiver und belastender wahrgenommen werden. Therapieforscher überlegen, wie man die BHS wieder stabilisieren könnte. Denkbar sind entzündungshemmende Strategien oder Mittel, die die Gefäßgesundheit verbessern (z.B. bestimmte Flavonoide oder ACE2-stabilisierende Substanzen). Noch befindet sich vieles davon im Forschungsstadium. Bis dahin hilft das Verständnis dieses Mechanismus dabei, Symptome einzuordnen: Wenn man weiß, dass die eigene „Stadtmauer“ bröckelt, kann man bewusst Reizabschirmung betreiben – also sich z.B. vor Überlastung durch Lärm schützen, genug Schlaf und Erholung einplanen, um dem Gehirn Ruhe zu gönnen.
Vielfältige Symptome: Kognitive, körperliche, emotionale, autonome und sensorische Belastungen
Die Symptome von Post-COVID sind so vielfältig, dass man von einem ganzen Syndromkomplex sprechen kann. Sie betreffen Körper und Geist gleichermaßen. Hier ein Überblick der häufig berichteten Symptomgruppen und wie sie sich äußern:

Kognitive Symptome: Viele Betroffene klagen über Brain Fog – das Gefühl, geistig wie in Watte gepackt zu sein. Konzentration und Gedächtnis lassen nach, einfache Aufgaben erfordern enorme Anstrengung. Es ist, als würden Gedanken nur noch langsam durchkommen, vergleichbar mit einem Wackelkontakt im Nervensystem, der klare Signale verhindert. Diese kognitiven Defizite gehören zu den am häufigsten genannten Post-COVID Symptomen und können so ausgeprägt sein, dass selbst Lesen oder Gesprächen folgen zur Herausforderung wird.
Körperliche Symptome: An vorderster Stelle steht eine abnorme Müdigkeit und Fatigue. Diese Erschöpfung geht über normales Müde-Sein hinaus – es ist ein lähmendes Gefühl von keine Energie haben, oft verstärkt nach kleinsten Aktivitäten (siehe Post-Exertional Malaise). Daneben treten Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen und Schwächegefühle auf. Manche Betroffene haben anhaltende Atemprobleme oder Husten, andere berichten von Herzstolpern und Brustschmerzen bei Anstrengung. Wichtig: Diese körperlichen Symptome sind real messbar – z.B. wurde Fatigue in Studien als häufigstes Symptom identifiziert (Medical News Today, 2024) und mit objektiven Veränderungen (wie der mitochondrialen Dysfunktion) in Verbindung gebracht.
Emotionale und psychische Symptome: Körper und Geist sind untrennbar verbunden, daher verwundert es nicht, dass eine chronische körperliche Belastung auch die Psyche beeinflusst. Viele erleben Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Angstzustände oder Niedergeschlagenheit. Zum Teil können dies direkte neurologische Folgen der Infektion sein – z.B. Neuroinflammation kann neuronale Netzwerke beeinflussen, die für Stimmungsstabilität zuständig sind. Zum Teil sind es auch reaktive Symptome: Die Erfahrung, an einer wenig verstandenen, langwierigen Krankheit zu leiden, ist psychisch belastend und kann zu Stress und Frustration führen. Hier zeigt sich, wie eng Körper und Geist verflochten sind: Eine anhaltende Entzündung kann Depressionssymptome begünstigen, während Stress wiederum Entzündungsprozesse verstärkt.
Autonome Symptome: Das autonome Nervensystem, welches Körperfunktionen wie Herzschlag, Blutdruck, Verdauung und Temperatur regelt, gerät bei vielen Long-COVID-Betroffenen aus dem Gleichgewicht. Schwindel beim Aufstehen, Herzrasen in Ruhe oder im Stehen (POTS), Blutdruckabfälle, nächtliches Schwitzen, Magen-Darm-Störungen – all das sind Zeichen einer dysautonomen Problematik. Studien belegen eine hohe Inzidenz solcher autonomen Dysfunktionen nach COVID; bis zu etwa 30% der schweren Long-COVID-Fälle erfüllen die Kriterien von POTS (Fedorowski & Sutton, 2023). Das heißt, der Körper kann die Durchblutung und Herzfrequenz nicht mehr angemessen regulieren, was zu Benommenheit, Herzklopfen und Schwächegefühlen führt. Auch Temperaturregulation und Atemrhythmus können betroffen sein (manche haben anhaltendes leichtes Fieber oder Atempausen). Diese Symptome können sehr beängstigend sein, da sie oft plötzlich auftreten – etwa Tachykardie (Herzrasen) aus dem Nichts – was wiederum Angst und Anspannung verstärken kann.
Sensorische Symptome: SARS-CoV-2 ist bekannt dafür, den Geruchs- und Geschmackssinn anzugreifen. Viele Long-COVID-Betroffene haben anhaltende Geruchs- oder Geschmacksstörungen – einige riechen monatelang nichts oder alles schmeckt verzerrt (Parosmie). Daneben werden Kribbeln, Taubheitsgefühle oder neuropathische Schmerzen in Händen und Füßen berichtet, was auf Schädigungen peripherer Nerven hindeuten kann. Einige klagen über Tinnitus (Ohrgeräusche) oder verstärkte Licht- und Lärmempfindlichkeit. Letzteres passt wiederum zur Theorie der gestörten Blut-Hirn-Schranke: Das Gehirn reagiert überempfindlich auf Reize. Insgesamt ist das sensorische Bild sehr unterschiedlich – von ganz spezifischen Ausfällen (z.B. nur Geruchsverlust) bis hin zu genereller Überempfindlichkeit aller Sinne.
Diese breite Palette an Symptomen zeigt, wie viele Körpersysteme involviert sein können. Post-COVID betrifft nicht nur die Lunge oder nur das Gehirn – es handelt sich um ein ganzheitliches Syndrom, das das gesamte neuro-immun-endokrine System durcheinanderbringen kann. Jeder Betroffene hat einen etwas anderen „Mix“ aus Symptomen, was die Krankheit so schwierig fassbar macht. Dennoch zeichnen sich Muster ab, und die beschriebenen Kategorien helfen dabei, die eigenen Beschwerden einzuordnen. Wichtig ist auch zu betonen: So unterschiedlich die Symptome sind, sie haben doch oft gemeinsame Ursprünge (Entzündung, Autoimmunität, Energiestörung, nervale Dysregulation), wie oben beschrieben. Das erklärt, warum häufig mehrere Symptome gleichzeitig auftreten – z.B. gehen Brain Fog, Fatigue und orthostatische Probleme oft Hand in Hand, weil ihnen eine gemeinsame biologische Störung zugrunde liegt.
Körper, Geist und Nervensystem: Untrennbar verbunden
Post-COVID führt uns eindrücklich vor Augen, dass Körper und Geist keine getrennten Sphären sind. Was auf der körperlichen Ebene passiert – Entzündungen, Immunreaktionen, Energiemangel – hat unmittelbare Auswirkungen auf unsere mentale und emotionale Verfassung. Und umgekehrt kann psychischer Stress körperliche Prozesse beeinflussen. Dieses Zusammenwirken bezeichnet die Wissenschaft als Psychoneuroimmunologie: Psyche, Nervensystem und Immunsystem kommunizieren ständig miteinander.
Im Kontext von Post-COVID bedeutet das: Die neurobiologischen Veränderungen (wie Neuroinflammation oder eine autonome Dysfunktion) können psychische Symptome hervorrufen. Beispielsweise ist bekannt, dass entzündliche Botenstoffe (Zytokine) im Gehirn Depressions-ähnliche Symptome auslösen können, weil sie die Neurochemie beeinflussen. Daher fühlen sich manche Long-COVID-Betroffene antriebslos oder ängstlich, obwohl die Ursache körperlich ist (eine Art entzündungsbedingte Depression). Ebenso kann die dauerhafte Aktivierung des Stressnervensystems (Sympathikus) durch das Krankheitsgeschehen zu Schlafstörungen und Angstgefühlen führen – der Körper ist in Alarmbereitschaft und lässt keine Ruhe finden.
Umgekehrt spielen aber psychische Faktoren auch in den Verlauf der körperlichen Krankheit hinein. Chronischer Stress, den viele Betroffene durch die Erkrankung erleben (z.B. Sorgen um Gesundheit, finanzielle Folgen, soziale Isolation), kann das Immunsystem weiter dysregulieren und Entzündungsprozesse verstärken. Stresshormone wie Cortisol sind bei vielen Long-COVID-Patienten auffällig niedrig npr.org, was paradox klingt, aber typisch ist für längere Stresszustände: Nach einer Phase der Überaktivität erschöpft sich die Stressachse. Ein niedriger Cortisolspiegel wiederum begünstigt Entzündungen, da Cortisol eigentlich entzündungshemmend wirkt. Wir sehen also: Der Kreislauf aus körperlichem und seelischem Stress kann sich gegenseitig aufschaukeln.
Für die Heilung ist diese Verflechtung von Körper und Geist sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance. Einerseits muss man anerkennen, dass rein körperliche Therapien (z.B. Medikamente) allein oft nicht ausreichen – man sollte auch die psychische Gesundheit und das Stressmanagement im Blick haben. Andererseits heißt das auch: Über die Psyche kann man Einfluss auf den Körper nehmen. Techniken zur Beruhigung des Nervensystems, wie z.B. Achtsamkeitsübungen, Meditation, Atemtherapie oder sanftes Yoga, können tatsächlich biologische Effekte haben: Sie senken nachweislich die Stresshormonspiegel und Entzündungsmediatoren. Das bedeutet nicht, dass Post-COVID „mit der Psyche lösbar“ ist – aber die Psyche ist ein wichtiger Mitspieler im Genesungsprozess.
Ein plakatives Beispiel für die Einheit von Körper und Geist ist die Vagusnerv-Theorie bei Long COVID. Der Vagusnerv – der größte parasympathische Nerv – verbindet Hirnstamm mit fast allen inneren Organen und reguliert Ruhe- und Erholungsfunktionen. Einige Forscher vermuten, dass Long COVID den Vagusnerv beeinträchtigt (etwa durch Entzündung entlang seines Verlaufs, z.B. im Hals oder Darm). Das könnte viele Symptome gleichzeitig erklären: Herzrasen, Verdauungsprobleme, aber auch Angstgefühle (da der Vagus auch beruhigend auf das Gehirn wirkt). Hier zeigt sich die körperlich-psychische Dualität ganz konkret: Ein gereizter Vagusnerv verursacht körperliche Symptome und verringert die Stressresilienz. Therapien, die den Vagusnerv stimulieren (z.B. Atemübungen, Kälteanwendungen, bestimmte Meditationen) könnten daher doppelt wirken – auf Körper und Geist.
Zusammenfassend: Post-COVID lehrt uns Demut vor der Komplexität des menschlichen Organismus. Körper, Geist und Nervensystem lassen sich nicht getrennt betrachten. Für Betroffene kann dies auch entlastend sein: Es ist normal, dass eine schwere körperliche Erkrankung auf die Stimmung schlägt, und es ist verständlich, dass psychischer Stress die körperlichen Symptome verstärken kann. Die Aufgabe besteht darin, an beiden Fronten zu arbeiten – den Körper medizinisch bestmöglich zu unterstützen und zugleich psychisch für Entlastung zu sorgen. Das Nervensystem ist gewissermaßen die Brücke zwischen beiden; wenn wir es schaffen, das übererregte Nervensystem zu beruhigen, profitieren Körper und Seele gleichermaßen.
Heilungsperspektiven: Selbstregulation, Körperarbeit und achtsame Belastungssteuerung
Angesichts der vielschichtigen Ursachen von Post-COVID gibt es nicht die eine Pille, die alles behebt. Stattdessen braucht es einen ganzheitlichen Ansatz zur Genesung. Auch wenn die Forschung zu spezifischen Medikamenten (z.B. antientzündliche Mittel, antivirale Therapien, Immunmodulatoren) läuft, spielen Selbstregulation und angepasste Rehabilitation eine zentrale Rolle im Heilungsprozess. Hier einige Perspektiven und Ansätze, die Betroffenen helfen können, ihre Heilungskompetenz zu stärken:

1. Selbstregulation des Nervensystems: Darunter versteht man Techniken, mit denen man das eigene Nervensystem aus dem Alarmmodus in einen Ruhezustand begleiten kann. Beispiele sind Atemübungen, z.B. langsames, tiefes Atmen (was den Vagusnerv stimuliert und den Puls senkt), oder progressive Muskelentspannung. Auch Achtsamkeitsmeditation oder Übungen aus dem Biofeedback können helfen, dem Körper zu signalisieren: „Du bist in Sicherheit.“ Selbstregulation bedeutet auch, Stressoren zu identifizieren und zu reduzieren – seien sie körperlich (Überanstrengung, Lärm, grelles Licht) oder psychisch (zu hohe Ansprüche an sich selbst, negative Gedankenspiralen). Durch regelmäßige Praxis kann man gewissermaßen das überreizte Nervensystem neu kalibrieren und in Richtung Heilung steuern.
2. Körperarbeit und Bewegung: Viele Betroffene sind verunsichert, wie viel Aktivität gut für sie ist. Einerseits besteht Angst, sich zu überlasten (zurecht, denn Überforderung verschlimmert oft die Symptome), andererseits ist völlige Inaktivität auf Dauer auch keine Lösung. Hier kommt achtsame Körperarbeit ins Spiel. Dazu zählen sanfte Bewegungsformen wie Yoga, Tai Chi oder Qi Gong, die Bewegung mit Atmung und Achtsamkeit verbinden. Diese helfen, Muskeln und Kreislauf zu aktivieren, ohne das System zu überreizen. Auch Physiotherapie kann individuell angepasst werden – mit Fokus darauf, Körperwahrnehmung zu schulen (Wann fühlt sich eine Anstrengung gut an? Wo sind meine Grenzen?) und gezielt Schwachstellen aufzutrainieren, aber in einem Tempo, das der Körper toleriert. Manche profitieren von Massagen, Osteopathie oder Feldenkrais, um Verspannungen zu lösen und das Körpergefühl zu verbessern. Körperarbeit heißt vor allem: wieder Vertrauen in den Körper fassen, ihn behutsam fordern, aber nicht überfordern.
3. Achtsame Belastungssteuerung (Pacing): Ein Schlüsselkonzept aus der ME/CFS-Therapie, das auch bei Post-COVID zentral ist, nennt sich Pacing. Es geht darum, die verfügbare Energie klug einzuteilen und Aktivitäten so zu dosieren, dass man nicht in das „Kellerloch“ der Erschöpfung fällt. Praktisch bedeutet das: Pausen einlegen, bevor man komplett erschöpft ist, größere Aufgaben in kleinere Portionen zerlegen, Tagespläne mit Wechsel von Aktivität und Erholung gestalten. Eine Metapher dafür ist der Energiesparmodus: Man hat vielleicht nur 30% der früheren Energie – diese will gut eingeteilt sein. Achtsame Belastungssteuerung heißt auch, eigene Grenzen zu akzeptieren. Das ist emotional nicht leicht, weil man vielleicht gerne mehr schaffen würde. Doch wer lernt, auf die Warnsignale des Körpers zu hören (z.B. verstärkter Herzschlag, Konzentrationsabfall, aufziehende Kopfschmerzen) und rechtzeitig einen Gang runterzuschalten, der kann Abstürze in mehrtägige Erschöpfung vermeiden. Viele Betroffene führen ein Symptom- und Aktivitätstagebuch, um Muster zu erkennen: Was geht gut? Was löst Verschlechterungen aus? – anhand dessen passen sie ihren Alltag an. Achtsames Pacing bedeutet aktive Selbstfürsorge: nicht Faulenzen aus Schwäche, sondern kluges Management der kostbaren Energie.
4. Soziale und emotionale Unterstützung: Heilung ist kein linearer Prozess, besonders bei Post-COVID mit seinen Aufs und Abs. Deshalb ist eine empathische Begleitung wichtig. Das kann eine Selbsthilfegruppe sein (der Austausch mit anderen Betroffenen gibt das Gefühl, nicht allein zu sein), eine psychotherapeutische Unterstützung (um Ängste und Frust zu bewältigen), oder einfach das Verständnis von Familie und Freunden. Gefühle von Hilflosigkeit und Verlust (der alten Gesundheit, Leistungsfähigkeit) sind normal. Indem man sie ausspricht und teilt, verlieren sie an Macht. Emotional aktivierend kann es sein, sich kleine erreichbare Ziele zu setzen – z.B. jeden Tag einen kurzen Spaziergang an der frischen Luft – und Erfolge zu feiern, so klein sie erscheinen mögen. Positive Erlebnisse, seien es Momente in der Natur, Kreativität (Malen, Musik) oder Genuss (ein gutes Buch, ein warmes Bad), nähren das Nervensystem und fördern Heilungsprozesse indirekt, weil sie Stress reduzieren und Wohlbefinden erhöhen.
5. Medizinische Unterstützung und Rehabilitation: Natürlich sollten Betroffene nicht alles allein stemmen. Es gibt mittlerweile spezialisierte Post-COVID-Ambulanzen und Reha-Kliniken, die multidisziplinär arbeiten (Neurologen, Kardiologen, Psychologen, Physiotherapeuten etc.). Dort kann man individuelle Therapiepläne erstellen, etwa medikamentöse Ansätze ausprobieren (bei Schlafstörungen, Schmerzen oder Herz-Kreislauf-Problemen) und zugleich Physiotherapie, Ergotherapie und psychologische Beratung verzahnen. Auch wenn es noch keine spezifische Heilpille gibt, kann die Symptomlinderung viel Lebensqualität zurückgeben – z.B. Medikamente gegen neuropathische Schmerzen, physikalische Therapien gegen Schwindel, oder Atemtraining für Lungenprobleme. Wichtig ist, dass Ärzte die Patienten ernst nehmen und gemeinsam mit ihnen einen Weg suchen. Die Behandlung von Post-COVID erfordert Geduld und oft Trial-and-Error, da jeder Fall anders ist. Doch viele Patienten berichten, dass mit der Zeit und der richtigen Unterstützung schrittweise Besserung eintritt.
Am Ende bedeutet Heilung bei Post-COVID meist, selbst aktiv zu werden und Verantwortung für den eigenen Körper zu übernehmen, gleichzeitig aber auch nachsichtig und liebevoll mit sich zu sein. Es ist ein Balanceakt zwischen aktiv sein (nicht in der Krankheit verharren) und loslassen (sich nicht überfordern). Hierfür zum Abschluss ein paar Reflexionsfragen, die Betroffenen helfen können, ihre Selbstwahrnehmung und Heilungskompetenz zu stärken:
Reflexionsfragen zur Selbstwahrnehmung und Heilungskompetenz
Was signalisiert mir mein Körper gerade? – Lerne ich die feinen Anzeichen von Überlastung zu bemerken, bevor sie groß werden? Welche Ruhepausen gönne ich mir heute?
Wie spreche ich innerlich mit mir selbst? – Behandle ich mich geduldig und wohlwollend, so wie einen guten Freund, der krank ist? Oder übe ich Druck auf mich aus? Wie könnte ich mit mehr Mitgefühl mit mir umgehen?
Welche kleinen Aktivitäten tun mir wirklich gut? – Gibt es eine Sache (so klein sie ist), die mir Freude oder Entspannung bringt und die ich täglich einbauen kann, um mein Nervensystem positiv zu stimulieren?
Wo liegen meine Grenzen – und wie kann ich sie respektieren? – Habe ich ein realistisches Bild meiner aktuellen Belastbarkeit? Wie kann ich Aufgaben oder Verpflichtungen so anpassen, dass sie machbar sind, ohne mich zu erschöpfen?
Worauf habe ich Einfluss, worauf nicht? – Kann ich akzeptieren, was ich (im Moment) nicht ändern kann, und meine Energie auf die Dinge richten, die ich verbessern kann (z.B. Schlafhygiene, Ernährung, Entspannungstechniken)?
Welchen Fortschritt habe ich bereits gemacht? – Mache ich mir bewusst, welche kleinen Schritte nach vorn ich schon geschafft habe, statt nur auf das zu schauen, was noch nicht geht?
Diese Fragen sollen dazu anregen, die Verbindung zum eigenen Körper und inneren Kompass zu stärken. Post-COVID zu bewältigen, ist ein Prozess, der Zeit braucht – aber es ist dein Prozess. Jeder Erkenntnisgewinn über die eigenen Bedürfnisse, jede kleine Anpassung, die Erleichterung bringt, ist ein Fortschritt. Die Neurowissenschaft zeigt uns, dass das Gehirn und Nervensystem sich anpassen und erholen können, gerade wenn wir ihnen ein Umfeld der Sicherheit und Regeneration bieten.
Fazit: Post-COVID auf neurologischer Ebene manifestiert sich als Mischung aus entzündlichen Vorgängen, autoimmunen Fehlsteuerungen, Energiedefiziten und Schutzbarrieren, die Lücken bekommen haben. Dieses Wissen hilft, die Krankheit zu entmystifizieren: Was wie ein unberechenbarer „Geisterfahrer“ im Körper wirkt, lässt sich wissenschaftlich erklären und begreifen. Für Betroffene ist das enorm wertvoll, denn Verständnis ist der erste Schritt zur Bewältigung. Mit Empathie, Geduld und einer gut informierten, ganzheitlichen Herangehensweise gibt es Grund zur Hoffnung. Viele Menschen mit Long COVID berichten, dass sie sich im Laufe der Zeit zumindest teilweise zurück ins Leben gekämpft haben. Das Nervensystem hat eine erstaunliche Fähigkeit zur Selbstheilung, besonders wenn wir es durch Selbstregulation, kluge Therapien und einen achtsamen Lebensstil dabei unterstützen. Post-COVID ist real und herausfordernd – aber mit Wissen, Unterstützung und eigenem Engagement ist Besserung und Heilung perspektivisch möglich. Bleib dran und sei gut zu dir selbst – Dei Körper und Geist arbeiten gemeinsam daran, wieder ins Gleichgewicht zu finden.
Du bist nicht machtlos gegenüber Post-COVID.
Wenn du professionelle Unterstützung auf deinem Weg aus Post-COVID suchst, begleite ich dich gerne.
Quellen
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